Bericht 54:  Vier Jahre Jagd auf eine Sau
Mein guter Jagdfreund und Gönner, Roger hat mir da und dort schon unter die Arme gegriffen. Er hat mir diverse Jagd-Oelbilder und Schnitzarbeiten in Auftrag gegeben sowie Werbe-Grafische Aufträge erteilt. Roger und seine Schwester habe ich über seine Eltern kennen und schätzen gelernt.
Vor ca. 30 Jahren als ich die Jagdprüfung in Angriff nahm und bei seinem Vater, der ein Waffen- und Bekleidungs-Geschäft hatte, habe ich dies und das für die Jagd eingekauft. Roger hatte eine überaus sehr, sehr liebe, herzensgute und sehr hilfsbereite Mutter, sie war die gute Fee im Geschäft und arbeitete von morgens bis abends und beide Kinder kamen nie zu kurz, denn Trudi  liebte Ihre Familie über alles und war immer mit Leib und Seele für sie da. Wenn ich in Ihrem Laden erschien und wieder mal etwas brauchte, wie z.B. Munition, Jagdbekleidung oder etwas vom Fernseh- Elektrobereich, so bekam ich auf jeden erdenklichen Artikel immer sehr großzügige Prozente gewährt und obendrein manchmal auch Kaffee mit Gebäck  serviert. 
Als Ihre Familie mir die traurige Nachricht zukommen lies, Trudi habe Krebs und nicht mehr lange zum Leben, hat mich dies überaus schwer getroffen. Wenn solche Menschen wie Trudi von der Welt gehen müssen, die nur Liebe gegeben hat und nie etwas schlechtes gesagt oder jemandem etwas Böses angetan- und ein Leben lang nur gearbeitet hat, so zweifelt man doch sehr ob es wirklich einen "gerechten Herrgott" da oben gibt!!
Trudi wird und bleibt mir immer in guter Erinnerung, solch einen lieben Menschen trägt man im Herzen.
Jahre vergingen, die Kinder von Trudi sowie ihr Mann, habe ich nur noch selten gesehen und wenn, dann bei den alljährlichen Jägerversammlungen oder Bläseranlässen die Roger und Bruno wie auch ich besuchten.
Beide Kinder von Trudi und Bruno sind bis heute immer korrekt und anständig zu mir gewesen und dies schätze ich sehr.
Irgendwann, hat mir Roger einen elsässischen Jahresjagdpass und dazu mehrere Einladungen in sein wunderschönes Revier zukommen lassen. Er lud mich ein, in seinem Revier auf Wildschweine zu jagen.
Diverse Treibjagden und Revierpirschgänge habe ich mit Roger in den letzten vier/fünf Jahren genossen, aber zu einem Abschuss kam es nie. Ich hatte zwar in seinem Revier sehr viel Wild gesehen und angesprochen, wie:  Hirsche, Rehe, Haarwild und die "Steckdosen" Wildschweine, vom "Klavier" bis zum Frischling, so wie ich sie manchmal nenne.
Meine Kollegen Roger und Bruno haben sich ein schmuckes Jagdhäuschen in der Nähe von Ihrem Jagdrevier gekauft, diverse Renovierarbeiten mussten gemacht werden. Da ich viel Zeit zur Verfügung hatte, durfte ich diverse Arbeiten für sie ausführen und dafür durfte ich während der Umbauzeit immer auf Wildsauen ansitzen.
Am 25. April 09, so gegen 05.00 Uhr schickte mich Roger in ein Revierteil, welches mir den langersehnten Jagderfolg bringen sollte. Es war noch dunkel und die Sterne standen schwach am Himmel. In der gegenüberliegenden Talseite erhebte sich langsam aber sicher der Tag. Trotz der Dunkelheit ging ich dem langersehnten Ziel entgegen und wartete auf den Tagesanbruch. In meiner 30 jährigen Jagderfahrung, ist mir auch bekannt, dass man nichts erzwingen kann.
In meinen Gedanken vertieft, aber immer auf leisen Pirschsohlen und der Blick wie ein Adlerauge in allen Richtungen, ging ich Richtung Hochsitz. Immer wieder suchte ich mit dem Fernglas die ganze Umgebung ab und konnte kein Wild ansprechen. Na und, weiter geht die Pirsch dachte ich so vor mir hin. In meinem Gedanken vertieft, sah ich  durch die Eichenbaumblätter, vor dem Pirschweg in der linken Lichtung von mir einen schwarzen Klotz!! Auf leisen Sohlen und ohne hastige Bewegungen, pirschte ich mit dem Gewehr schussbereit noch 20 bis 30 Meter bis zum Zaun wo ich den "schwarzen Klumpen" besser ansprechen konnte! Am Zaun angekommen und mein Feldstecher langsam hochhebend bewegt sich der schwarze Fleck. Durch mein Glas schauend, konnte ich eine Wildsau ansprechen, welche friedlich in einem kleinen "Wasserrinnsal" nach fressbarem suchte. Jetzt nur keine Fehler machen, dachte ich mir. Bachen mit und ohne Begleitung (Frischlinge)  sind Tabu. Für mich sind nur Frischlinge, Überläufer oder Keiler zum Abschuss frei. Aber so wie die Sau zu mir stand, sah ich weder einen Pinsel, noch Waffen im Gebrech! Was tun? Ich prüfte abermals die Windrichtung und trotz des imposanten Anblicks war ich erstaunlich ruhig und schaute auf meine Uhr. Inzwischen sind schon 15 bis 20 Minuten vergangen. In dieser Zeit hatte die Sau das Haupt dreimal in meine Richtung gedreht und dann weiter sich seelenruhig der Nahrungssuche gewidmet. Nach ca. einer halben Stunde beobachten, dachte ich schon das  Stück wohl ziehen zu lassen, denn ich konnte bis jetzt das Geschlecht nicht feststellen.
Aber wie auf einen Fingerzeig drehte die Sau ihr Haupt ganz nach links und sicherte mitten in der Lichtung stehend nach dem oberen Wiesenrand und da die langersehnte Bestätigung, ihre Keilerwaffen blitzten kurz auf und ich das Gewehr schnell in Anschlag und bin ihr mit dem Fadenkreuz im Absehen in den Teller gefahren und die Sau lag im Feuer meiner alten "Blaserlady".  Im Feuer sehe ich im Glas nur Sekundenbruchteile noch die Sau aber als ich über die Büchse, noch mit der Ladebewegung in Richtung Anschuss sehe, ist da keine Sau nur Gras! Sollte ich nach so langer Wartezeit gefehlt haben!! Ein zwei Schritte gehe ich auf den Anschuss zu und auf einmal sehe ich 4 schwarze, zappelnde Läufe in der Luft ich springe schnell zur erlegten Sau und gebe ihr noch den erlösenden Fangschuss.
Als ich die Sau aus dem Graben schleifte, konnte ich die Waffen sehen und ein stattlicher ca. 60 Kilo  Keiler mit einer Waffenlänge von 15 cm konnte ich mein Eigen nennen. 
Dies war nicht mein erster Wildschweinabschuss, aber der erste in diesem herrlichen Elsass-Revier von Roger Ertle.
Als Innerschweizer ist es Brauch einen oder mehrere Freudenjutzer übers Tal zu schicken.
Während ich den letzten Bissen für meinen Keiler in das Gebrech steckte, schickte über mein "Natel" dem Revierinhaber und Kollegen Roger die freudige Nachricht.
 
Eine Woche später konnte ich an der selben Stelle 7 Hirsche (drei unterschiedlich große Spießer, 1 Kolbenhirsch, erst vor kurzem Abgeworfen und drei schon gut im Geweih gewachsene 3-4jahrige Stiere) auf dieser Wiesenlichtung und  am selben Stand ansprechen. Es war ein herrlicher Anblick, nur den Fotoapparat hatte ich wieder mal nicht im Rucksack. 
 
An Roger Ertle ein Weidmannsdank für die vielen erlebnisreichen Jagdeinladungen in seinen herrlichen Elsassjagdrevier;  jeden Tag habe ich genossen und dabei Ruhe und Erholung gefunden! 
 
Weidmanns-Dank Roger. 
                                                                         Bericht und Foto: Edy Nussbaumer; CH-6415 Arth/SZ (SCHWEIZ)
 

nach oben