Bericht 34:  Wildscheinjagd in der Toskana

Nach langer „jagdlosen“ Zeit soll es wieder mal losgehen: Zu Alessandro in die Toskana, Wildschweine jagen - genauer gesagt ins „Herz der Toskana“ soll es gehen. Nachdem der Termin einige Male verschoben werden musste war jetzt einer ausgemacht. Meine Frau wollte mich begleiten, die Kinder blieben bei ihren Großeltern.

So kutschierten wir mit höchster zulässiger Geschwindigkeit (und etwas drüber ;-) ) gen Süden. Ungefähr 4 Stunden soll die Reise dauern, aber wir haben Glück und vermeiden die Verkehrs-Stoßzeiten. Der Weg ist schnell gefunden, zumal ich Alessandro ja schon einmal besucht habe.

Diesmal soll es klappen meint er, als wir ankommen. Seine größte Sorge wäre, wenn ich ein zweites Mal ohne „Beute“ heimfahren müsste.

Es wurde fleißig an gekirrt und die Wildschweine wurde seit einiger Zeit nicht mehr beschossen. OK, ich schieße gern ein Stück Wild, dazu bin ich Jäger, aber das Erlebnis Drumherum ist mir genauso wichtig. Und wenn s nicht klappt, meine ich dann hab ich eine Ausrede wieder zu kommen! Wir beziehen unsere Unterkunft, die ich, so meine Erfahrung wohl selten sehen werde. Ich lasse Frau und Hund in Alessandros rechte Hand, Maurizio bringt mich zu meiner Kanzel. Sie steht auf Baugerüst und ist, so erfahre ich später „wasserdicht“! Ein Hornissennest musste vor kurzem entfernt werden, man sieht noch immer die Umrisse. Maurizio zeigt mir, von wo die Sauen normalerweise kommen und lässt mich allein. Der Geländewagen bleibt bei mir, bzw. er bleibt mir nicht allzu weit entfernt zur Verfügung. Maurizio verabschiedet sich und pirscht zu einer anderen Kanzel wo er mit Alessandro zusammentrifft. Ich verabschiede mich und bestätige ihm, dass ich wohl die ganze Nacht auf der Kanzel zubringen werde. Vor mir eine Bodenvertiefung die ich komplett von oben überblicken kann, Früher wurde dort Gips abgebaut und mittlerweile ist das Gelände wieder halbwegs begrünt. Ich befinde mich ungefähr 30 Meter oberhalb der bekirrten Fläche. Die Distanz ist so zwischen 40 und 80 Meter. Ich habe mir alles eingehämmert, damit ich nicht im Finstern bei jedem dunklen Fleck einen Adrenalinschub bekomme. Alessandro hat mir erklärt, dass es in Italien eine „Selektionsjagd“ erst seit wenigen Jahren gibt und dass er einer der ersten wäre der diese ausübt. Man muss hierfür die Jägerprüfung machen so wie bei uns auch. Normalerweise wird das Wild in sogenannten Bewegungsjagden vor den Hunden erlegt. Um die die Population und somit auch die Wildschäden in Grenzen zu halten, gibt es für die Wildschweine eigentlich keine Schonzeiten. So langsam wird es dunkel…. Bin gespannt was auf mich zukommt. Frei habe ich, was mir als Richtig erscheint. Naja mal sehen:

Es ist schon bald kaum mehr etwas zu erkennen. Es ist bewölkt und es fängt an zu regnen.

Ich kann nicht hören ob etwas anwechselt. Normalerweise würde ich Wildschweine hier gut hören, da erst kürzlich der Bewuchs umgeschnitten wurde. Leider höre ich jedoch nichts weil der Regen auf das Kanzeldach prasselt. Aber irgendwann hört der Regen ja auch auf.

 Bald ist es soweit – ich höre im gegenüberliegenden Hang Wild anwechseln, schweres Wild, so meine ich, den es brechen immer wieder Äste. Es ist kein Mond und der Himmel ist mit Wolken behangen. Man kann kaum etwas erkennen.

Es ist erlaubt mit künstlichen Lichtquellen zu jagen. Ein entsprechendes Gerät ist auf meiner Sauer 80 im Kaliber 300 Win. Mag montiert. Ich solle sparsam sein damit, da die Batterie nicht mehr voll aufgeladen ist. Schemenhaft sehe ich eine Bewegung an der Kirrung. Ich visiere mit dem Zielfernrohr und erkenne einen Dachs. Da habe ich mich wohl getäuscht, oder? Jedenfalls genießt der schwarzweiß gestreifte Kerl seine Mahlzeit. Es wird ruhig und ich werde müde, aber ein lautes Knacksen lässt mich putzmunter werden. Ich versuche die Finsternis zu durchdringen, kann aber nichts erkennen. Oder doch, ja da an der Kirrung ist doch wieder etwas! Es ist bald Mitternacht. Leise schiebe ich meine Waffe über den Stoffsack der mit Sand gefüllt ist. Durchs Zielfernrohr versuche ich so gut wie möglich den Schatten zu erhaschen, der dort unten kaum erkennbar ist. Dann das Licht an…….. es sind zwei Dachse, große ausgewachsene Tiere glaube ich zu erkennen. Ich schalte das Licht aus und lass ihnen ihre Ruhe. Ich bin erstaunt, dass die Tiere die künstliche Lichtquelle nicht stört. Einmal nur hat ein Dachs in meine Richtung geschaut und sich dann wieder seiner Mahlzeit gewidmet.

Es ist wieder ruhig und ich sitze gespannt auf meinem Posten und harre der Dinge die da kommen. Als ich ca. eine halbe Stunde später aufwache spekuliere ich wieder die gesamte Kirrstelle ab, und siehe da es wechselt ein schwarzer Schatten durch mein Fernglas. Ich schaffe es meine Waffe in Anschlag zu bringen bevor der Schatten im Unterwuchs verschwindet. Licht an – ein Fuchs, ziemlich abgemagert. Es wird wohl eine Fähe sein die für Ihr Geheck, bzw. für sich eine Mahlzeit sucht.

Ich bin wieder hellwach - es ist  kurz vor 5.00 Uhr -  Ich höre Rehe schrecken, sie wurden wohl von jemandem erschreckt – womöglich sind Sauen auf dem weg?

Wieder höre ich ein Brechen und auch Blasen. Das sind aber jetzt doch Wildschweine! Ich vermute sie wieder im Gegenhang, werde aber nach ca. ½ Stunde eines besseren belehrt. Sie kommen von unten – direkt unter mir. Dort waren sie wohl die ganze Nacht – immer dann als ich meinte, dass die Dachse solchen Krach machten, waren es die Wildschweine und mit dem anvisieren mit Licht haben sie sich immer wieder zurückgezogen. Sie ziehen aber jetzt in Richtung Kirrung hinauf. Der Mond ist inzwischen aufgegangen die Viertelscheibe leuchtet mir ins Gesicht – umso dunkler wird die Umgebung. Trotzdem kann ich die drei schwarzen Gesellen bemerken, die in die Lichtung hineinwechseln, Die Waffe ist schon im Anschlag und ich visiere zwischen die drei Schatten hinein. Den kleinsten wollte ich mir heraus picken. Aber sobald das Licht an war, ist die Bühne auch schon leer. Wie von der Tarantel gestochen flohen die drei Schwarzen -  ich folge zwar noch mit der Waffe und hoffe auf ein Verhoffen, aber es gelingt mir nur kurz auf 20 Meter in zwei Augen zu blicken. Diese Chance war wohl vertan. Eigentlich könnte ich jetzt zu meiner Frau ins warme Bett kriechen. Aber ich verharre noch bis die Sonne aufgeht. Es kündigt sich ein wunderschöner Morgen an. Ich packe meine Siebensachen ein, und fahre ins Quartier. Das Erlebte hat mich so in den Bann gezogen, dass ans Schlafen gar nicht zu denken war. Ein heißer Kaffe getrunken und wir starten zunächst zu Alessandro, dem ich natürlich berichten muss. Danach decken wir uns mit Olivenöl ein, und dann machen wir eine Rundfahrt durch die schönste Gegend Italiens. Auf jedem Hügel, und deren gibt es dort massenhaft, befindet sich ein Bauernhof, ein Ansitz oder gar ein ganzes Dorf. Gigantische Stadtmauern, hohe Türme, alte Gebäude. Landschaft teilweise unberührt, wechselt mit bebauter Fläche ab. Unzählige Fasane balzen im frischen Grün des Frühlings. Jedes Mal wenn wir einen Hügel erklimmen, zeigt sich uns ein neuer Ausblick.  Immer wieder bleiben wir stehen und bewundern die Gegend. Wir besuchen einige Städte, wie Casole d’Elsa, Colle d’Elsa, Volterra, San Geminiano. Wir trinken den köstlichen Kaffe, ich geniesse eine originale „Fiorentina“. Bereits diese excellente Stück gegrillte Fleisch wäre die Reise wert gewesen…. Genug geschwärmt, ich möchte hier ja nicht Werbung machen von der Toskana – das hat sie gar nicht notwendig. Aber eins möchte ich noch bemerken: Wenn man mit den Menschen hier redet, dann nimmt sich so ziemlich jeder Zeit dazu. Stress und Hektik habe ich bei niemandem gesehen!

Zurück zur Jagd: Am Nachmittag genieße ich noch 2 Stunden Bettruhe und bin dann gegen Abend wieder auf meiner Kanzel, fest entschlossen auch heute wieder bis in den Morgen auszuhalten, sollte dies notwendig sein. Aber so weit kommt es nicht, denn bereits in der Dämmerung höre ich direkt unter der Kanzel schweres Wild anwechseln. Ich halte den Atem an, da ich Angst habe gehört zu werden. Durch meine Pollenallergie läuft mir die Nase und ich traue mich nicht sie abzuwischen, also läuft sie eben……

Es scheint ein sehr vorsichtiges Stück zu sein, es will einfach nicht austreten! Äste knacksen und krachen - ich höre ein Blasen und wie mir vorkommt sogar Atmen. Ich verfolge den Weg der einzelnen Sau eine geschlagene Stunde lang, bis sie endlich ins Freie tritt. Ich bin natürlich schon bereit, warte aber noch, bis das Stück an der Kirrung und beschäftigt ist. Ich hadere ein wenig, ob ich das Licht anmachen soll oder nicht. Entscheide mich dann doch dafür, zumal ich dieses Mal einen Rotfilter aufgesetzt habe!

Wieder hat jedoch das Licht die gleiche Wirkung: Ohne nur ansatzweise an einen Schuss denken zu können, verabschiedet sich das Objekt der Begierde und ich kann es noch eine Weile in der Botanik verschwinden hören….

Leise fluche ich in mich hinein und bin verfluche die „blöde Lampe“.

Trotzdem gebe ich nicht auf und es dauert nur ein paar Minuten und ich kann ein zweites Schwein anwechseln hören – dieses Mal von links. Bald kann ich es auch erkennen und versuche den schwarzen Klecks anzuvisieren. Der Vorderschaft meiner Sauer 80 im Kaliber 300 Win. Mag. liegt auf dem Sandsäckchen und Hinterschaft fest in meiner Schulter Ich muss abwärts schießen. Dieses Mal will ich es ohne künstliche Lichtquelle versuchen. Ich finde das Wildschwein, das wieder ein einzelnes Stück ist, erkenne den Wildkörper und sogar das Absehen. Als es einen Stück weiterzieht, erkenne ich auch wo ich hinzielen müsste – da ist auch schon der Schuss gebrochen. Durch das Mündungsfeuer geblendet, sehe ich zunächst gar nichts mehr, kann aber am Anschuss das „Schlegeln“ hören, welches immer weniger wird. Beim Hin leuchten kann ich dann erkennen, dass das Überläuferkeilerchen am Anschuss liegt! Ein spannender Ablauf  - so langsam beruhige ich mich wieder. Dieses Mal hat es also schon um 22.10 Uhr geklappt. Bleibt noch viel Nacht übrig!

Schnell wurden Alex und Maurizio informiert, und sie sind auch gleich zu Stelle, obwohl ich wohl mit dem Keilerchen auch alleine fertig geworden wäre. Sie lassen es sich nicht nehmen und so wird das 61-kg-Wildschwein (nicht aufgebrochen) gemeinsam geborgen.  Die beiden Freunde haben eine Vorrichtung zum Auskühlen, bzw. Aufbrechen mit Kühlzelle und, was auch nicht unwichtig ist: Eine gemütliche Jägerstube mit Kühlschrank, Tisch, Speisekammer usw. Das Erlebte wurde wiederholt erzählt und immer mehr ausgeschmückt, ist es doch am Besten das Geschehene gleich zu verarbeit, so wie die Leber am besten schmeckt wenn sie gleich zubereitet wird!

Ich dachte ja vorher, dass ich zu einer halbwegs „christlichen Zeit“ ins Bett komme, aber dem war nicht so. Ich wollte ja mein Wildschwein selbst versorgen und das dauerte eben etwas länger. Außerdem waren wir beim Bergen ins Schwitzen gekommen und Hunger und Durst mussten gestillt werden. Und so wurde die Nachtzeit dazu verwendet, die verschiedensten Speisen und Getränke aus verschiedener Herkunft zu verkosten. Für mich übt die Wildschweinjagd immer wieder einen besonderen Reiz aus. Gerne lerne ich die verschiedenen Gepflogenheiten in den verschiedenen Ländern kennen.

Vor allem die Jagd in der Nacht interessiert mich und in diesem Fall die Erfahrung mit den Lichtquellen. Andere Länder – andere Sitten!

Irgendwann werde ich auch eine typische italienische Treibjagd mit Treibern und Hunden (battuta) miterleben. Durchs Erzählen wurde mir auch diese Jagd schmackhaft gemacht.

 

  Bericht und Fotos: Platzgummer Diether     

                                                                                                                 

 

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