Bericht 28:  Die Wintergams

Immer schon war es ein geheimer Wunsch von mir,  einmal einen guter Gamsbock im Winterkleid zu erlegen, anstatt wie wir es gewohnt sind,  auf unserer schönen Bündnerjagd  im September im Sommerhaar.

Durch einen Jäger im Stubaital mit dem mich schon seit Jahren eine Freundschaft verbindet, sollte sich mein Wunsch erfüllen.

Immer im Herbst wenn wir uns trafen,  wurden Jagderlebnisse ausgetauscht und so hatte ich durch Andreas auch Einblick in die Jagderlebnisse in einem Gebirgsrevier in Tirol,  wo er hauptsächlich der Jagd frönte. Im Gegenzug amüsierte er sich immer wieder köstlich,  wenn ich ihm die Abschusskriterien nach Gesetz der Bündner zum Besten gab.  Wir vereinbarten, dass mich Franz ins Stubai auf die Gamspirsch einladen wird.

Im Herbst 07,  wurde für mich ein Gamsbock der 1.Klasse, durch den Revierinhaber in dem Andreas auf die Pirsch geht, reserviert und im Dezember wenn die gröbste Arbeit  vorbei war, wurde die Jagd angesagt.

Leider war der Herbst durch den frühen Wintereinbruch im November schon vorbei und in den Bergen lag hoher Schnee, dass konnte unser Unterfangen jedoch nicht stoppen, wir waren seit Kindesbeinen gewöhnt an die raue Natur im Gebirge.

Am 11. Dezember traf ich dann in Mieders ein und bald waren der Revierpächter, der Jäger Franz, mein Kumpel Andreas und ich im Gespräch über jagdliche Erfolge und Misserfolge bei einem Glas Roten.  Der Plan der Jagdausübung am andern Morgen wurde zurechtgelegt und besprochen. Leider konnte Andreas nicht mitkommen, da er an einer Grippe erkrankt war und so mußten Franz und ich bei Tagesanbruch den Marsch ins  Gebirge zu zweit bewältigen.

Es war noch Nacht,  als wir mit dem Jeep aufwärts fuhren. In der Nacht waren ca.10 cm Neuschnee gefallen, an einigen Orten sahen wir Hirsche über die Bergstrasse aufwärts ziehen,  um ihre Tageseinstände zu erreichen. Als wir unser Gefährt  im Hochwald zurückliessen und in winterharte Kleidung eingepackt bergwärts gingen,  trennte sich die Dunkelheit von den Bergfichten und ihre Konturen wurde vollends für uns sichtbar und der Nebel öffnete sich für einen kurzen Blick auf die Grate und  Kare hinauf.

Der Aufstieg war im hohen Schnee, der einem bis zum Gesäss reichte, recht anstrengend und Franz und ich wechselten uns immer wieder ab, um Spurarbeit zu verrichten. Unser Ziel war eine Felskanzel an der Baumgrenze wo sich die obersten Zirben im harten Kampf  um ihr Dasein bemühten.

Nach einem ca.2 stündigen Aufstieg,  kamen wir auf den angepeilten Platz und das gegenüberliegende Kar wurde nun mit dem Feldstecher abgesucht. Leider ohne Erfolg.

Es machte den Anschein, dass die Grattiere in den Wald hinunter gezogen sind. Es wurde uns klar, hier oben hat der harte Bergwinter das Geschehen fest im Griff.

Bei einem wackeren Schluck „Gebrannten“ wurde beraten. Wir packten unsere Sachen zusammen und zogen weiter taleinwärts in die mit Felsen und Alpenerlen, deren Spitzen aus dem Schnee ragten, bedeckten Hänge.

Plötzlich, wir mochten ca. 600-700 Höhenmeter tiefer über ein Kuppe abwärts geschritten sein, sahen wir quer etwa 500 Meter weiter hinten eine Gams im Erlendickicht,  welche die letzten verdorrten Blätter von den Alpenstauden pflückte.

Schnell wurde das Spektiv aufgestellt um den Bock, den wir als solchen  schon mit dem Feldstecher angesprochen hatten-, genauer anzusehen. Franz  war sichtlich aufgeregt und war sich zuwenig sicher ob es auch ein Bock der Klasse 1 war. Ich tat ihm kund, dass nach meiner Meinung die Ansprechzeichen für ein über 8 jährigen Bock gegeben seien, was ihn etwas beruhigte und uns das weitere vorgehen eröffnete.

Wir pirschten verdeckt talwärts weiter, durch ein Kar , um auf Schussnähe heranzukommen.

Leise duckend, zogen wir uns zurück und schritten durchs Kar abwärts. Ich merkte wie mein Pulsschlag anstieg, das immer wiederkehrende Prickeln in mir hochkommt    wenn es daran geht ein Stück Wild anzupirschen  und mit einer Schussabgabe gerechnet werden kann. Ich dachte mir, nur nicht zu schnell gehen, denn mit zuviel  „Schnauf“ in der Lunge,  lässt sich schwer ein guter Schuss anbringen.

Vorsichtig überquerten wir den Hang unter den Felsen und näherten uns im Sichtschutz einer Zirbengruppe,  dem Ort wo wir vorhin den Bock gesichtet hatten. 

Als wir im Schutz der Zirben waren,  sahen wir, dass der Ort an dem der Bock zuletzt gesehen wurde, leer war. Hatte er uns bemerkt und ist geflüchtet,  oder hatte er sich in den Erlen niedergelegt um sich von den Zankereien um die Liebesgelüste des vergangenen Monats zu erholen? Kaum hatten wir uns aufs warten eingerichtet, sahen wir, wie  etwas höher auf einem Felsvorsprung ein Bock zum Vorschein kam. Mit einem Blick durchs Spektiv,  waren wir uns einig,  dass es sich nicht um den Bock handelt den wir vorher gesehen hatten, denn dieser war eindeutig enger in der Kruckenstellung und vom Alter her in der Mittelklasse anzusiedeln. Wie wir uns so unsere Auswertung der Beobachtung zuraunten,  bemerkten wir,  wie sich weiter unten die Erlen bewegten. Schnell den Feldstecher an die Augen und  der Pulsschlag wurde wieder um einiges hochgefahren den es musste der „Alte“ sein. Jawohl,  jetzt kam er ins Freie in eine Lichtung und wurde nochmals sorgfältig angesprochen. Diesmal war Franz auch meiner Meinung,  dieser Bock hat das Alter und dem Abschuss stand nichts mehr im Wege.

Leise zog ich den Rucksack von den Füssen, legte ihn vor mir auf eine Wurze, um mich so für den Schuss einzurichten.  Jetzt den Stuzen darauf und schnell sah ich im Fadenkreuz wie der Bock langsam bergwärts stieg. Ich merkte den Pulsschlag in meiner Halsschlagader, als sich das Fadenkreuz leicht hinters Blatt bewegt und ein Schuss in die Stille brach.  Im Zielfernrohr sah ich wie der Bock zusammenzuckte,  sich wendete und nach einem kurzen Fluchtsprung zusammenbrach.

Weidmannsheil raunte mir Franz zu:  “ Den hosch sauber getroffn“!

Nach einem zünftigen Schluck Feuerwasser  ging  Franz  den Bock  holen. Ich hielt mich mit meinen Stutzen schussbereit, sollte doch noch etwas unvorhergesehenes passieren!

Der passt,  wunderbar rief mir Franz zu und brachte mir den Bock herunter. Nach gegenseitigem Weidmannsheil und Weidmannsdank, begutachteten wir nochmals den Bock und zählten 11 Jahresringe!

Franz ging nun seinen Jeep holen. 

In meiner Einsamkeit,  brach ich den „Alten“ auf, steckte im einen Fichtenbruch in den Äser und ein Jauchzer klang aus meiner Kehle,  wie dies bei uns Bündner der Brauch so will. Langsam setzte ich mich neben den alten Kämpfer nieder und ließ meine Gedanken nochmals um das erlebte Jagdglück schweifen.

Es ist immer wieder merkwürdig,  eine tiefe innere Freude über den Abschuss zu erleben und gleichzeitig die Gewissheit ein so stolzes Leben ausgelöscht zu haben, dass noch vor wenigen Tagen mit seiner Gene, in dieser schönen Bergwelt für Zukunft und um das weiterleben gesorgt hatte.   

 

 1. Bericht und Foto: Peter Salzgeber - CH 7243 Pany      
  

                                                                                                                 

 

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