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Bericht 14: Gratgams am Hohen Göll Kamerapirsch im Nationalpark Berchtesgaden |
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Und alle freuen sich, selbst die erfahrenen Bergsteiger, die Bergbauern und die Berufsjäger, wenn sie die flinken Kletterer entdecken, die man hier Gams nennt, obwohl sie im Duden Gämsen heißen. Gewiss, es waren schon einmal mehr, ehe sie, wohl aus einer Wahnvorstellung heraus, als Waldfresser reduziert wurden. Dabei haben die Gratgams auch nicht einen Baum aufgefressen. Weil sie rar wurden, gelten sie als scheu, aber scheu sind sie gar nicht, sondern eher vertraut und neugierig, wenn man ihr Verhalten kennt und sie richtig einschätzt. Dennoch haben die wenigsten Menschen sie ebenso wie wir in der freien Wildbahn erlebt. Seit das Volk mehr in die Berge kommt, weichen die Gams zunehmend in tiefere Lagen, also den Bergwald aus. Dort will man sie nicht haben, weil sie dann die Naturverjüngung verbeißen, aus der einmal Schutzwald werden soll. Wenn man die Gams hingegen in Ruhe lässt, dann geht es ihnen im Winter als Gratgams hoch oben recht gut. Hier in den Felsregionen, die wild zerklüftet sind und steil, sieht ihr Leben so aus, wie man sich Gams gewöhnlich auch vorstellt. Am Brett und Hohen Göll aber ist es für uns mit der schweren Kamera-Ausrüstung schwierig, an sie heran zu kommen. Denn ich muss ja nicht nur all das schleppen, was der Bergsteiger gewöhnlich braucht, sondern auch noch zusätzlich die schwere Kameraausrüstung und das Dreibeinstativ. In jungen Jahren ist mir das leicht gefallen, aber jetzt bin ich im 77.ten Jahr und habe ein Hüftgelenk aus Titan. Oft war ich im Lauf des Lebens alleine hier oben, habe Gams und Murmeltiere belauscht und schöne Fotos als Dias mitgebracht. Im Winter hatte das seine Schwierigkeiten, weil ich mit dem schweren Fotorucksack auf dem Buckel mit den Ski abfahren musste. Jetzt aber möchte ich das Fotografieren der Gams digital wiederholen. Damit ich das alles schaffe, begleitet mich bei dieser Pirsch Edgar Lorenz und nimmt mir einen Teil der schweren Gerätelast ab. Für die Menschen aus dem flachen Land, ja selbst für die Jäger aus dem Norden, hat Gamsjagd etwas Geheimnisvolles, ja Gefährliches. Denn sogar die Wilderer glaubten dass es so ist wie es im Wilddiebsroman beschrieben wurde. Im Volksglauben aber stilisiert man sie hoch und macht sie zu Helden, wie einst den Wildschütz Jennerwein. So bekommen selbst sie von der Verehrung der Bergtiere noch etwas ab. Was wir hier mit der Kamera machen, ist also allemal Jagd. Doch erjagen wir keinen Braten, weil der mir ohnehin nicht schmeckt. Wir erjagen auch keine Gamskrucke, wie man die Hörner nennt, auch keinen wackelnden Gamsbart für den Hut. Alles, was wir mitbringen werden, sind Bilder aus ihrem Leben.
Weil der markierte Steig herauf außerordentlich schlecht ist und nirgendwo hinführt als auf zwei langweilige Gipfel, war es in früheren Jahren hier oben meist still, weshalb die Gams alleine waren. Der Nationalpark hat kein Wegegebot, und manche Sportler sehen Berge als Turngerät an. Sie rennen ohne jedes Gepäck in leichter Sommerkleidung so schnell bergan, dass sie auf einem Gipfel jemand einfangen müsste, damit sie das Rennen aufhören. Alle Grasflächen sind beim letzten Frost bereits braun geworden. Von der Artenvielfalt in der Vegetation des Nationalparks und der Blütenpracht des Sommers bekommen wir nicht mehr viel zu sehen. Doch der Fransenenzian blüht gerade jetzt im Herbst leuchtend blau. Zwischen den braunen Grashalmen ducken sich vielerlei Kräuter, die schon Knospen tragen, aber erst im Frühling ihre Pracht entfalten werden. Jetzt hingegen sind sie den Winter über reichhaltige Äsung für die Gams. Die Zwergbeerensträucher tragen teilweise noch die bunten Blätter des herbstlichen Indianersommers. Bald deckt die weiße Decke des Winters alles zu und zurück bleiben 7 Monate Einsamkeit. Von ihr sind wir heute weit entfernt. Uns bleibt im Augenblick auch nur die Wahl, den Blick über all die Gipfel schweifen zu lassen, zu überlegen, wo der Königsee zwischen den Bergen eingebettet ist, den mächtigen Watzmann zu bestaunen, am gegenüberliegenden Schneibstein quer über das Tal ganz hoch oben ein Gamsrudel zu entdecken.
Ich war vor Jahren zweimal im Winter mit Ski auf Fellen hier oben, wenn Lawine um Lawine herabdonnert. Eine solche Lawine hat von diesen steilen Felswänden mit einem Schlag 35 Gams herabgerissen, von denen haben dann die Steinadler und deren Junge drei Monate lang gelebt. Solche Speise lockt Adler an. Weil sie uns fehlt, warten wir heute und auch in den folgenden Tagen vergebens auf die Adler. Erst als schon alles vorbei ist und wir ins Tal gebracht werden, sehen wir in der Waldzone über einem Schlag einen Steinadler kreisen. Dort, wo der Grat vom Brett den Göll berühr, haben wir uns niedergelassen. Man könnte hinüberklettern. Nach Norden hin ist es weniger Steil, aber nach rechts hin fällt eine Rinne fast senkrecht in grausige Tiefen hinab. Es ist eine wahre Teufelsrinne, so wild und bizarr zerklüftet sind hier die Felsen. Gar nicht so weit weg auf einem Felsriegel sitzt eine Gamsgeiss. Einen Augenblick lang bin ich in Versuchung näher heran zu wollen. Dann aber ist sehr schnell klar, dass man sich dafür abseilen müsste.
Jetzt renne ich mehr als 50 Jahre in den Bergen umher. Ich hatte dort gejagt, gewandert und fotografiert. Es gab zuweilen schwierige Situationen, aber stets kam ich heil nach Hause. Was nun geschah, ist einmalig. Es war schon fast am Ende unseres heutigen Weges, eines markierten Wanderweges. Der war allerdings sehr schlecht. Darum hatte man mit Balken Stufen gebaut und die mit Eisen an den Berg geheftet. Ausgerechnet über solch ein Eisen stolpere ich, obwohl ich mich auf Jägerart immer mit dem langen Bergstock absichere. Ganz simpel stolpere ich und falle mit dem Kopf voraus talabwärts. Ich reiße mir die Hände an den Eisen auf und knalle mit dem Kopf gegen einen Stein. Da habe ich vielleicht Sterne gesehen. Der Schädel brummte, aber er blieb heil, wie später die Röntgenaufnahme zeigte. Nur die Brille ging in Trümmer und schlitzte mir die Stirn auf. Es blutete erheblich. Gut dass ich in der Brusttasche gleich das Verbandpäckchen fand, dass Edgar mich notdürftig verbinden konnte. Ja und dann haben wir uns durchgekämpft zum nahen Stahlhaus. Jetzt weiß ich endlich wie gefährlich es werden kann Tiere zu fotografieren. Die Bergwacht hat mich dann ins Tal und der Sanka in die Klinik nach Bad Reichenhall gefahren. Am Nächsten Mittag schon startete ich wieder. Mit Bus, Eisenbahn, Taxi, Bergbahn und Anmarsch war ich am Abend wieder auf dem Stahlhaus, denn am folgenden Tag pirschten wir schon früh morgens auf Gams.
Wir wandern ein Stück bis auf die Höhe des Schneibsteinhauses und folgen dann steil bergan dem ausgetrockneten Bachbett in der Fall-Linie bis zum Jägerkreuz. In dieser noch immer recht feuchten Hangmulde blüht überall der Fransenenzian. Er leuchtet blau als sei es Frühling, doch ist er eine Herbstblume. Wir zwängen uns zuweilen durch das Latschengewirr, verhalten einen Augenblick als an der Felskanzel über uns ein Gams erscheint und sich gegen den Himmel abhebt. Wenig später zieht oberhalb durch den Graben ein ganzes Rudel Gams. Doch sie bleiben nicht und ziehen nur durch in Richtung Jägerkreuz. Wir sind allmählich stolz auf unsere Kondition, dass wir den steilen Anstieg schaffen, Das ist für mich zugleich Bestätigung, dass auch meiner operierten Hüfte bei dem gestrigen Sturz nichts passiert ist, Wir erreichen den Brett-Sattel und sehen sehr weit hinten, fast vor dem Göll, dass sich jenes Rudel mit einem anderen vereint, das über das Tal hinaufgekommen ist. Wir gehen die Gams nicht gleich an, sondern hinterlassen an einem Felsköpfl unsere Rucksäcke und ich versuche, jede Deckung wahrnehmend, das Rudel von der Bergseite her anzugehen. Auf dem letzten Kogel vor der großen Wand klettern auch einige junge Gams umher. Sie verschwinden aber, als wir näher heran sind: Auch das unter mir stehende Rudel nimmt übel, dass ich näher komme. Beim Gamspirschen gibt es eine einfache Regel. Steht der Gams in der Sonne und ich bin im Schatten, dann eräugen sie mich nicht. Edgar bleibt bei den Rucksäcken.
Auf der Rückseite des Kogels rechts von mir könnten sie über die Lahner kommen. Da stehe ich bereit, und tatsächlich, ich habe es richtig erraten. Ein, zwei, drei Gams kommen blitzschnell und genau auf mich zu. Das geht so schnell, dass ich nicht einmal Zeit habe den Konverter abzunehmen. Ich kann auch nicht jede Gams anvisieren. Ich bin fahre mit und fotografiere was das Zeug hält. Sie sind formatfüllend. Die Läufe sind fast angeschnitten und schließlich haben sie auch ein Höllentempo. Rattattatt! Vorbei ist der Spuk! Aber ich habe sie ganz nahe an mir vorbeiziehen sehen. Als sie den Teufelsgraben queren, fotografiere ich nicht mehr, denn Gams steil von oben, gefallen niemand. Eine Weile lang rührt sich gar nichts. Selbst in den riesigen Steinwänden des Göll nicht, Ich mustere alle Lahner bis hoch hinauf und sehe nichts, Dann rechts wieder eine Bewegung, und es kommen noch zwei jüngere Geißen, die nacheinander weiter unten vorsichtig und sehr verhalten durch den Teufelsgraben klettern, um auf der Gegenseite gleich weiterzuziehen. In den lotrechten Wänden bewegen auch diese Tiere, die doch den Berg und seine Tücken gewohnt sind, sich langsam. Wieder treibt der Wind von unten eine Wolke über den Berg, hüllt die Gams und auch mich ein, wird wieder dünner, dass es lichter wird und ein Stück weit abwärts steht ein Gamskitz. Es ist halb vom Hang verborgen und noch im Nebel verschleiert. Einen Moment nur steht es da, um mit ein zwei Schritten wieder hinter dem Hang zu verschwinden.
Die Wolken es bremsen das
Licht, sie verschleiern die Sonne, aber es ist hell. Diffus
ist die allerbeste Beleuchtung, die man sich vorstellen
kann, bei der man jedes Haar sieht und die Pixel der Kamera
ausreizt. Über uns streicht rufend ein Rabe vorbei, Er
verschwindet in den gewaltigen Steinwänden, die hinter dem
Riegel aufsteigen, auf dem die Geiß steht. Auch ohne
Konverter habe ich sie voll im Bild. Eine Bewegung darf ich
nicht wagen, und ich staune, dass sie nicht misstrauisch
wird. Doch der Wind kommt von unten, dass sie mich nicht
wittern kann, denn für sie hebe ich mich deutlich gegen den
Himmel ab. Darum wage ich keine andere Bewegung als die mit
meinem Auslösefinger. Kamerajagd unterscheidet sich von der
Jagd, die mit einem Schuss endet. Denn das Naturerlebnis
geht ja immer weiter. Man muss als Kamerajäger so sein wie
ein anschleichender Fuchs, Luchs oder das Hermelin. Und ein
wenig Verrücktheit gehört schon auch mit dazu. Sollen die
Anderen nur reden: „ach ja, natürlich mit Teleobjektiv.“ Man
muss noch immer verflucht nahe an sein Wild heran, muss
wissen wie es reagiert und das rechte Gespür dafür haben. Es
ist unvergleichlich schön, diese Zwiesprache mit dem
geliebten Wild, das ich zwar überlistet habe, aber nicht
töte.
Diese einzigartige Bergwelt mit den Latschenregionen unten, den Graslahnern in der steilen Wand oben, zusammen mit ihren gewaltigen Felsen, das gehört mit zum erlebten Bild. Man sollte gar nicht soviel herumrennen, sondern man kann es auch abwarten. Auch die Geiß, die so erhaben wie ein Denkmal an der Teufelsrinne steht und selbst mit ihren Hörnern wie ein Teufelchen wirkt, wendet sich schließlich ab, klettert über einige Unebenheiten im Felsriegel, macht einen Sprung dort, wo es eigentlich nicht mehr weitergeht. Schon ist sie im Lahnergras jenseits der Teufelsrinne, verschwindet Sekunden später und wird vom Hang verdeckt. Edgar ist zurückgeblieben. Ohne ihn hätte ich die ganze Schlepperei hier herauf nicht geschafft. Ich aber bleibe noch eine Weile, weil sich immer etwas rührt. Weiter unten an einem steilen Grashang äsen zwei Gams. Dann beginnt eine Geiß über ein Geröllfeld näher zu kommen. Ein Jährling steht äsend in der Wand, die an vielen vielen Stellen kleinere und größere grünbraune Flecken zeigt. Selbst dort wo wir glauben nur nackten Fels zu sehen, blüht es im Lenz aus allen Ritzen. Nur im Winter wird es gefährlich dort oben, denn immer wieder finden die Lawinen auch beim Bergwild ihre Opfer.
Bejagen kann man sie nur dort,
wo sie aus den so extrem steilen Zonen heraus kommen. Denn
schon das Zeichnen im Schuss wäre das Ende, weil sie mit den
Läufen keinen Halt mehr finden und bis ins Tal hinabstürzen
würden. Trotz aller Gefahren durch die Lawinen geht es den
Gratgams hier oben im Winter recht gut, weit besser als
jenen drunten im Bergwald. Sie existieren nur darum, weil
die Lawinen immer wieder Äsung frei machen oder wenn der
Wind den Schnee hier oben wegbläst und zwischen dem
Windharsch Äsung über Äsung zu finden ist. Um hier zu leben
brauchen die Gams weder den Jäger, noch seinen Futtersack.
Ich liebe diese vom Menschen so unabhängigen Tiere, die
wirklich noch Wildtiere sind ohne im Sinne des Wortes sehr
wild zu sein. Ich liebe diesen zerklüfteten Lebensraum mit
seinen steilen Teufelsrinnen, steilen Lahnern,
unerreichbaren Wänden, in denen die Gams als Gratgams leben
und überleben. Zeitweise gibt es für sie Probleme
Trinkwasser zu finden, wenn die Quelle austrocknet.
Endlos schier kann der Blick bei klarem Herbstwetter von hier oben über die Wipfel schweifen. Da hinten im Salzkammergut, da lebt zwischen den Bergen im Wald der Bär Moritz. Schade, dass wir hier keinen Bären erwarten können. Einen Tag hatten wir durch den Unfall zwar eingebüßt, dass ich aber zurückgekehrt bin hat an diesem –Tag seine volle Würdigung gefunden. Denn den folgenden Tag stecken wir im Wattenebel und erleben prasselnden Regen. Die Gams sitzen irgendwo in den Latschen. Aber zweimal begegnen wir einer Auerhenne. Eine davon spaziert wacker hundert Meter auf dem Weg vor uns. Die Berge sind voller Überraschungen, und kein Tag ist wie der andere. Neu am Bergabenteuer ist die Verständigung mit den Menschen außerhalb. So habe ich von oben am Berg mit meiner Frau daheim telefoniert und ihr das Wetter hier geschildert. Und wir bekommen auch von der Nationalpark-Verwaltung Nachricht, wann und um wie viel Uhr uns der Jeep mit unserer Fotobeute wieder abholen wird, Die ganze Nacht hindurch tobt dann der Sturm und alles ist am Morgen weiß und gefroren. Der Schnee aber treibt die Gams wieder aus allen Löchern. Es hätte noch ein guter Tag werden können. Wir machen noch einige Bilder von der Hütte aus, welche mehr von der Landschaft zeigen, in der die Gams ganz winzig darin erscheinen. So, wie die meisten Menschen sie zu sehen bekommen. Weit oben am Grat stehen sie vor blauem Himmel, und das ist der Abschied für uns von den Gratgams im Nationalpark.
1. Bericht und Fotos: Wolfgang Alexander Bajohr - D-Gilching
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