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Bericht 02: Gamsjagd im Hochgebirge |
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Ein grauer Himmel hängt über der Berninagruppe. Nebelschwaden haben sich an die stolzen Eisberge geklebt. Der Südwind jagt die schwere Wolkendecke ständig in die gleiche Richtung Im Gletscher kracht es immer wieder lautstark, als trieben Kobolde dort drinnen ihr grausiges Spiel. Kühler Nieselregen ist über den Gletscher hinweggezogen und hat einen dünnen, aber tückischen Eisfilm darauf haften lassen. Das Gehen darauf, ohne Steigeisen, wird zum Eiertanz. Schon zum wiederholten Male habe ich mit der teuflischen Unterlage Bekanntschaft gemacht. Bedenklich schon, ist auch mein Stutzer bereits auf dem verdammten Eis aufgeschlagen. Hoffentlich hat er keinen Schaden erlitten. Drüben, an der Isola Persa zieht äsend ein Gamsrudel, das sich in seiner grauen Decke kaum merklich von dem Schwarzgrau der dortigen Felsen abhebt. Es sind drei Geissen mit Kitzen und ein Bock mit mächtigen Krucken, mit dem aber etwas nicht stimmt, Ständig sichernd macht dieser immer wieder auf dem schmalen Felspfad ein „Haberl“, streckt seinen Äser prüfend in den Wind, wendet Träger und Haupt vorsichtig hin und her. Je näher ich zum Rudel gelange, umso mehr fällt mir die abnormale Gangart des Bockes auf. Er bewegt sich tatsächlich nur auf drei Läufen. Das aber genau so flink wie seine Begleiter. Jetzt erkenne ich das Übel ganz genau. Der rechte Vorderlauf ist auf Kniehöhe total abgetrennt. Die Verletzung scheint alt zu sein. Es könnte sich um einen Schuss aus einem Vorjahr handeln, oder eine Amputation durch Steinschlag. Jedenfalls leidet das Tier. Immer wieder bleibt es stehen, und zwar immer so, dass der halbe Lauf bergwärts gerichtet ist und er ihn mit so wenig Gewicht als möglich belasten muss. Auch das struppiges Fell deutet darauf hin, dass die Gesundheit dem Bock abhanden gekommen ist. Sein Fell ist struppig und wenig verfärbt. Ich weiss nun, dass es meine Pflicht ist, dem armen Tier den Gnadenschuss anzutragen.
Immer wieder wechsle ich die Stellung, ohne dass die Tiere etwas davon wahrnehmen können. Die Distanz zu ihnen beträgt sicher noch dreihundert Meter. Vom Standplatz zu Moräne sind es auch noch gute hundert Meter. Dort hinüber muss ich unbemerkt gelangen, wenn die heutige Pirsch nicht völlig erfolglos sein soll. Ruhig packe ich meinen Rucksack, schultere den Stutzen, hänge mein Glas um und nehme den langen Bergstock als Hilfe für das Vorwärtskommen auf dem trügerischen Eis in die Hand. Unendlich langsam taste ich mich so voran, immer wieder bedacht, ja nicht auszurutschen. Es ist ein verwegenes Spiel, aber es gelingt tatsächlich. Die Tiere sind nun aus meinem Blickwinkel verschwunden. Nun heisst es die weglose, rutschige Moräne mit den vielen mächtigen Steinen hoch zu klettern. Ich nehme mir sehr viel Zeit, bedacht, nicht zu fallen, um ja keinen Lärm zu machen. Oft kann ich nicht vermeiden, dass ein Stein unter meinen Schuhen wegkollert und für mein Gefühl einen mächtigen Krach erzeugt. Ich hoffe, dass der Lärm nicht nach oben übertragen wird. Schweissnass erreiche ich endlich kriechend die Krete. Hinter einem mächtigen Stein kann ich auf der nassen, unangenehmen Unterlage hingelegt das Geröll und die Felsen unter dem grossen, grün schimmernden Eis des gewaltigen, oberen Gletschers absuchen. Nichts kann ich entdecken. Ausser dem Rauschen der vielen Wasser, die jetzt den Weg über die Felsen talwärts suchen, ist nichts anderes zu vernehmen. Ich muss höllisch aufpassen, dass der Nieselregen, der nun zu allem Elend eingesetzt hat, mir nicht die Sicht durch das Zielfernrohr raubt. Immer wieder versuche ich mit dem Taschentuch das Rohr und mein Occular klar zu halten. Die Brille, die natürlich ebenfalls angelaufen ist habe ich in meine Jackentasche gesteckt. Die Sicht ist zwar reduziert, aber immerhin besser als mit dem lästigen Hauch auf den Gläsern. Aber alle Mühe ist umsonst, die Gemsen sind verschwunden. Erst jetzt merke ich, dass ich vor Kälte jämmerlich zittere. Vorsichtig suche ich meinen dicken Pullover, den ich stets in meinem Rucksack mittrage und zwänge mich in den zusätzlichen Wärmespender hinein. Auch das Paar Handschuhe, das ich zuunterst in Sack finde, leistet mir gute Dienste. Obwohl der Bock stark verletzt ist, beschliesse ich die heutige Pirsch abzubrechen. Ich friere nämlich jämmerlich und zittere vor Kälte am ganzen Körper. So ist an einen sicheren, guten Schuss nicht zu denken. Die Tiere, die in der Regel recht standtreu sind, dürften auch morgen wieder hier irgendwo anzutreffen sein. Ich packe meine sieben Sachen zusammen und mache mich vorsichtig über den trügerischen Gletscher auf den Heimweg zur Hütte. Der dreibeinige Bock will mir nicht aus dem Sinn. In Gedanke hege ich den Plan aus, wie es mir am besten möglich ist am nächsten Morgen an die Tiere heran zu kommen. Jedenfalls müssen auch Steigeisen in den Rucksack. Das ist nach dem Regen und der Kälte ein Gebot der Stunde.
Die Steigeisen leisten mir jetzt gute Dienste. Obwohl sie bei jedem Schritt auf der eisigen Unterlage knirschen, mache ich mir keine allzu grossen Sorgen, dass die Gemsen deswegen flüchten werden. Es ist kalt, aber ich bin heute besser angezogen. Dort, wo ich die Tiere gestern erstmals gesichtet habe, an dem mächtigen Stein im Gletscher mache ich auch jetzt wieder Halt. Ich muss lange Zeit warten, bis das hereindämmernde Tageslicht mir erlaubt feste Konturen drüben im Geröll auszumachen. Es sind keine Lebewesen zu erkennen. Nun entledige ich mich der Fusseisen und steige ganz vorsichtig und schwitzend ungefähr an der gleichen, weglosen Stelle, wie gestern, an der Moräne zur Isola Persa hinüber. Das Büchsenlicht ist jetzt bereits gut und der Wind steht ebenfalls günstig; - aber leider keine Gamstiere weit und breit! Enttäuscht lege ich das Fernrohr zur Seite, und widme mich mit Heisshunger dem Morgenessen. Die Stärkung wirkt Wunder. Langsam mache ich mich auf den Weiterweg. Ich kann jetzt einem ausgetretenen Weglein folgen. Bald gelange ich auch zu dem aus Steinen erbauten, alten Unterschlupf, wo ich schon des Öftern im Schlafsack genächtigt habe und schon manchmal Weidmannsheil hatte. Ich ziehe mich in den primitiven Schutzraum zurück, wo ich nun Muse finde, die ganze wilde Landschaft vor mir minuziös mit dem Feldstecher abzusuchen. Felsen und Eis sind sehr nahe. Karge Weideflächen ziehen hoch hinauf. Hier sind meistens irgendwo Gemsen auszumachen. Heute scheinen sie es aber nicht eilig zu haben, oder habe ich sie durch mein Gehen bereits schon vergrämt? In der Zwischenzeit ist es taghell geworden. Am Cambrena und am Piz Palü fallen bereits schon die ersten Sonnenstrahlen auf die Kuppen. Bald leuchtet das glutrote Licht auch schon am nahen Piz Bernina. Der berühmte Biancograt wird als erster bestrahlt. Das ist so ein eindrückliches Schauspiel, das ich lange Zeit betrachte und dabei ganz vergesse, dass ich eigentlich zur Gamsjagd hierher gekommen bin.
Wenn der Bock mit seinem Harem irgendwo in der Nähe ist, werde ich ihn bis zum Abend wohl entdecken. Momentan ist aber kein „Staat“ zu machen und so mache ich es mir vor meinem Unterstand in der warmen Sonne bequem und schlafe bald den Schlaf des Gerechten. Ich erwache erst, als die Sonne schon hoch im Süden steht, die ersten Touristen mit ihren Führern nahe an mir vorbeiziehen, um in etwa zweistündiger Wanderung über den nahen Morteratschgletscher ins Tal zu gelangen. Gemütlich verpflege ich mich aus dem Rucksack. Ich muss keine zehn Schritte tun, um an einem sauberen, eikalten Bächlein den Durst zu löschen. Ach, wie herrlich ist das hier. An jedem Berg kann ich mit meinem lichtstarken Spektiv Alpinisten ausmachen. Einige sind bereits schon im Abstieg. Andere werden am späteren Nachmittag ebenfalls hier vorbeiziehen. Vorher will ich aber ein gutes Stück höher klettern, wo mir gute Sicht von oben herab in die Felsen gewährt wird. Ich kenne das Gebiet hier wie meine Hosentasche, weiss, dass sich Gemsen trotz der vielen Touristen, die im Laufe des Tages hier vorbeikommen, in ihren Einständen nicht stören lassen. Momentan werden sie sich wohl irgendwo niedergelassen haben. Als die Sonne allmählich im Westen versinkt stehen plötzlich drei Muttertiere mit ihren Kitzen, wie von Geisterhand hingezaubert, vor mir in den Felsen. Das sind sicher die Tiere von gestern. Wo aber ist der Bock? Langsam ducke ich mich. Sie scheinen keinen Wind von mir zu erhalten. Keine siebzig Gänge entfernt ziehen sie unter mir vorbei. Dann, ganz plötzlich gewahre ich ihn, meinen gesuchten Bock. Auf gute Schussdistanz von mir weg, liegt er auf einer Felskanzel und sichert die ganze Gegend. Auffallend seine mächtigen Krucken und sein struppiges Fell. Eigentlich wäre er ein guter Brunft- und Zukunftsbock. Aber in diesem Zustand wird er den harten Winter sicher nicht überleben. Da wird ihn ein gut gezielter Schuss schmerzlos in eine bessere Welt befördern. Als Jäger philosophiere ich eigentlich kaum über Sterben und Tod meines Wildes. Töten gehört zum Jagen. Es ist der letzte Mosaikstein im grossen Abenteuer Weidwerk. Der Gesetzgeber gibt uns die Freiheit, weidgerecht das erlaubte Tier zu nutzen, immer aber bedacht, der Arterhaltung absolute Priorität zu schenken. Was aber ist weidgerecht? Eugen Wyler, der Doyen unter den Jagdschriftstellern hat es so ausgedrückt: „Weidgerecht ist etwas, das man nicht sieht, wenn es da ist. Man merkt es erst, wenn es fehlt.“ Weidgerechtigkeit und Pflicht gehen meist Hand in Hand. Nach kurzer Zeit erhebt sich der Bock, steht auf der Kanzel wie eine Statue. Gleich backe ich meine Waffe an, finde sein Blatt im Fadenkreuz und lasse die Kugel fliegen. Wie vom Blitz getroffen erhebt er sich auf seinen Hinterläufen, wohl unbewusst bestrebt, die Flucht zu ergreifen und fällt fast im gleichen Moment rückwärts wenige Meter von der Kanzel herunter, wo er regungslos liegen bleibt. Nach kurzer Zeit bin ich beim Bock. Die Augen sind bereits gebrochen. Die Krickel sind stark gehakelt. Sein Alter schätze ich auf vier Jahre. Wie lange hätte er bei guter Gesundheit noch seine Pflicht erfüllen können! Die Kugel ist ins Blatt gefahren und hat sein Herz durchbohrt. Den Schuss hat er sicher gar nicht mehr vernommen. Interessiert betrachte ich nun seinen Laufstumpen. Die Verletzung hat er sicher schon vor Monaten erlitten. Der abgeschlagene Knochen und das Fell daran sind einigermassen verheilt. Die Natur ist doch der beste Doktor! Wahrscheinlich ist er aber wegen seiner ungewöhnlichen Stellung bei der Futteraufnahme immer zu kurz gekommen. Das könnte der Grund sein, dass er so stark abgemagert ist, und die Schmerzen haben sicher auch viel dazu beigetragen. Ich finde in seiner Nähe ein kleines Grasbüschel und schiebe ihm den letzten Bissen in den Äser. Das ist Jägerbrauch und bedeutet Achtung vor dem toten Geschöpf. Freude will aber in mir keine hochkommen. Traurigkeit überwiegt vollkommen. Ich verrichte die rote Arbeit und trage das Tier zu meiner steinernen Unterkunft. Bis ich aber mit dem Bock hundemüde bei meiner Hütte bin vergehen noch mehr als zwei Stunden. Diese Nacht schlafe ich schlecht und unruhig. Dennoch bin ich aber froh und dankbar, dass ich das Tier von seinen Schmerzen erlösen durfte.
2. Bericht: Hans Philipp - CH - 7504 Pontresina
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